Wetterbericht für den FC Bayern – Krise mit Aussicht auf Titel

Wenn es um Krisen geht, spielt der FC Bayern bereits in einer eigenen (Super)Liga. Trotz enttäuschender Leistungen in der bisherigen Saison steht der Rekordmeister nach zehn Spielen mit 20 Punkten auf Platz drei. Trainer Niko Kovac sammelt somit durchschnittlich 2,0 Punkte pro Partie in der Bundesliga. Von einer solchen Quote können die meisten Trainer und Vereine nur träumen. 90plusdrei nimmt die Bayern-Krise unter die Lupe.

Warum der ganze Trubel um Kovac?

Sollte der kroatische Coach seine Quote von 2,0 Punkten pro Spiel fortsetzen, würde der FC Bayern nach 34 Spieltagen 68 Punkte auf dem Konto haben. In den letzten 20 Jahren haben 68 Punkte zehn Mal für die Meisterschaft gereicht. In drei Spielzeiten (2003/04, 2006/07, 2010/11) wäre man punktgleich mit dem zweiten Platz gewesen. Mit 2,0 Punkten pro Spiel hatte man in der Vergangenheit in 20 Spielzeiten also 13 Mal eine direkte Chance auf die Meisterschale. Der FC Bayern wurde in dieser Zeit 14 Mal deutscher Meister.

Wirft man also einen Blick auf die Statistik, sollte man sich in München keine allzu großen Sorgen machen. Auch ein Blick in die gesamte Bundesliga-Historie sollte den Bayern und allen voran Niko Kovac Mut machen:

In 55 Spielzeiten seit Gründung der Bundesliga sammelt der Zweitplatzierte im Durchschnitt 65,9 Punkte. Mit 2,0 Punkten pro Spiel hat man als Bundesligist also exzellente Titelchancen. Um genau zu sein reichten 68 Punkte in 31 von 55 Spielzeiten für die Meisterschaft. In acht weiteren Spielzeiten wäre man mit derselben Quote punktgleich auf dem ersten bzw. zweiten Platz. Der Rekordmeister hat hingegen „nur“ 28 Titel in der Bundesliga geholt.

68 Punkte in der Bundesliga - Ein statistischer Rückblick:

Endplatzierung
Anzahl
Meisterschaft
31
1.Platz - Punktgleich
8
Nicht 1. Platz
16
Meisterschaften FCB
28

Nur drei Trainer waren besser als Kovac

Der Punkteschnitt von Niko Kovac als Trainer der Bayern in allen Wettbewerben liest sich sogar noch besser: 2,25 Punkte pro Spiel. Das haben vor ihm nur drei legendäre Übungsleiter geschafft: Jupp Heynckes (2011-2013: 2,43 PPS und 2017-18: 2,49 PPS), Pep Guardiola (2013-2016: 2,41 PPS) und Carlo Ancelotti (2016-2017: 2,28 PPS). Doch auch der letztere musste sein Amt nach 60 Spielen als Cheftrainer niederlegen.

Denn in Bayern ticken die Uhren anders. Die Meisterschaft ist Pflicht. An der Säbener Straße hat man seit Jahrzehnten eine Art Vorkaufsrecht auf die Schale. Und spätestens seit dem Triple mit Heynckes in der Saison 2012/2013 und der darauffolgenden Guardiola-Ära mit Tiki-Taka Fußball ist die Meisterschaft für den FC Bayern nicht genug.

Man will mehr als nur gewinnen. Man will die gegnerischen Defensivreihen auseinander nehmen, die Liga dominieren und Konkurrenten aus dem Stadion schießen. Denn seit Gründung der Bundesliga hat sich das Image des Rekordmeisters stark verändert. Mit zunehmender Dominanz wuchs auch der Anspruch des Rekordmeisters. Genau deswegen stellt die sportliche Situation der Bayern keine Krise im eigentlichen Sinne dar. Es ist eine teils selbstauferlegte Bayern-Krise.

Krise oder Umbruch mit Erfolg?

Je höher die Ansprüche, desto tiefer und schneller ist der Fall in die sogenannte Krise. Dritter Platz, punktgleich mit den zweitplatzierten Gladbachern, vier Punkte Rückstand auf Tabellenführer Dortmund – und das nach lediglich 10 Spieltagen. Krise hört sich anders an. Denn man sollte bedenken, dass der FC Bayern sich nach den Abgängen von Pep Guardiola und Jupp Heynckes noch immer in einer Phase des Umbruchs befindet.

Zwei – wenn nicht sogar drei – Trainer von Weltklasse-Format haben den Verein verlassen. Die prägende und weltweit gefürchtete Flügelzange „Robbery“ kommt so langsam in die Jahre. Die Weltmeister von 2014 haben Schwierigkeiten in Form zu kommen. Mit Arturo Vidal, der auf seiner Position zu den besten Spielern der Welt zählt, verlor der Rekordmeister eine tragende Säule. Durch die Verletzungen von Thiago Alcântara und Corentin Tolisso fehlen zwei hochbegabte Spielgestalter. Auch der verletzte Tempodribbler Kingsley Coman wird in München ganz schwer vermisst.

Trotz alledem liegt man nur vier Punkte hinter Spitzenreiter Dortmund. Den Abstand können die Münchner am 11. Spieltag sogar auf einen Punkt verkürzen, denn im deutschen „Clásico“ ist absolut alles möglich – auch ein Sieg angeschlagener Bayern gegen bisher glänzend aufgelegte Borussen. Bei einer Niederlage des amtierenden Meisters könnte es sehr eng für Niko Kovac werden. Doch warum Kovac?

Kovac muss Fehler der Bosse ausbaden

Ja, im Fußball geht der Blick in schlechten Zeiten instinktiv Richtung Trainer. Immer. Wie soll ein Trainer jedoch Ansprüche erfüllen, die sich über Jahrzehnte hinweg gebildet haben. Ansprüche, denen der aktuelle Kader nicht im Ansatz gerecht werden kann. Fakt ist, dass Niko Kovac 19 Feldspieler zur Verfügung hat, um mindestens zwei Wettbewerbe (Bundesliga und Pokal) zu gewinnen. Hinzu kommt die Champions League, wo das Halbfinale ein Muss für jeden Bayern-Trainer ist. 34 Spiele in der Bundesliga, 6 im DFB-Pokal, 12 in der Champions League - macht insgesamt 52 Partien. Die Mehrheit dieser Spiele sollen von Kovac erfolgreich gestaltet werden. 52 Spiele mit 19 bzw. aktuell 16 Feldspielern.

Dass so eine Leistung nahezu unmöglich ist, weiß jeder. Dafür muss man nicht Experte sein. Wieso also Kovac in Frage stellen und nicht die Führungsetage um Rummenigge und Hoeneß? Die Kaderplanung der Vereinsleitung in diesem Sommer war schlichtweg zu naiv. Den Abgängen von Vidal, Rudy und Bernat steht nur ein prominenter Zugang gegenüber: Leon Goretzka. Nach wie vor gesteht man Fehler an der Säbener Straße nicht ein. „Unser Kader ist groß genug, um das aufzufangen,“ tönte Hoeneß nach den Verletzungen von Tolisso und Rafinha.

Naiv reagierte der Präsident des FC Bayern auch auf die Frage, ob der Verkauf von Juan Bernat ein Fehler gewesen sei: „Wir haben nach wie vor einen Kader von 16 bis 17 Weltklasse-Spielern.“ 

Kommt ein neuer Rekordtransfer?

Ein Sommer ohne Transferausgaben sieht man in München nicht allzu oft. Somit sind in den kommenden Transferzeiträumen einige Investitionen von Seiten des Rekordmeisters zu erwarten. Benjamin Pavard, Aron Ramsey, Anthony Martial – die Liste der Gerüchte ist lang. Selbst ein neuer Rekordtransfer à la Antoine Griezmann oder Paulo Dybala ist nicht auszuschließen.

Es scheint so, als wolle man beim FC Bayern die Zeit überbrücken, um in der nächsten Saison mit vollen und zusätzlichen Kräften anzugreifen. Vorübergehende Verluste werden dafür in Kauf genommen. So bleiben Niko Kovac und seine Mannschaft die Leidtragenden. Woche für Woche müssen sie zu hohen Ansprüchen gerecht werden, sich mit Kritik auseinandersetzen und provokante Schlagzeilen über sich ergehen lassen. Mit jedem Spiel, das nicht dem typischen, dominanten Bayernstil entspricht, geht ein Stück des berühmt-berüchtigten Rufs des Rekordmeisters verloren.

Blaukraut bleibt Blaukraut und Bayern bleibt Bayern

Während Experten die Krise hochschaukeln als wäre Borussia Dortmund bereits der neue Meister und die Medien jeden vermeintlichen Fehler von Kovac breittreten, hat die Liga nicht vergessen wer die Bayern sind. Beim BVB werden Fragen bezüglich Titelchancen weitgehend ignoriert. Sebastian Kehl, Leiter der Lizenzspielerabteilung, brachte die Situation hingegen auf den Punkt: „Die Durststrecke der Bayern wird sich natürlich nicht bis zum Ende der Saison hinziehen. Sie werden zurückschlagen und sind auch weiter Favorit auf den Titel. Daran hat sich nichts geändert.“

Denn in der Liga hat man nicht vergessen, dass der FC Bayern auch letztes Jahr fünf Punkte Rückstand auf die Dortmunder hatte und am Ende der Saison mit 21 Punkten Vorsprung Meister wurde. Natürlich hat sich seitdem einiges bei den Schwarzgelben verändert. Dennoch und trotz Krise holt Kovac pro Spiel 2,0 Punkte, weshalb der FC Bayern auch am Ende dieser Saison um den Titel spielen wird.

Der FC Bayern ist in fast allen Bereichen besser als der BVB:

Bereich
BVB
Bayern
Durchschnitt
Tore
30
18
15,2
Schüsse
133
183
128,7
Torschüsse
53
63
46,7
Ballkontakte
7362
8152
5976
Ballbesitz
55,77
64,14
49,99
Fehlpassquote
13,23
11,54
18,19
Laufweite
1190
1153
1140
Sprints
2430
2166
2137
Ecken
64
89
51

Die furios aufspielenden Dortmunder glänzen zwar durch Schnelligkeit, Aggressivität und einen breiten, ausgewogenen Kader, doch hat der BVB momentan auch das notwendige Quäntchen Glück. Genau das Glück, das dem Rekordmeister aktuell fehlt: Das allseits bekannte Bayerndusel. Denn der FC Bayern hat in fast allen wichtigen Statistiken die Nase vor der Borussia. Mehr Torschüsse, mehr Ballkontakte, mehr Ballbesitz, mehr Ecken, bessere Zweikampfquote, bessere Passquote. Einzig in den Bereichen Tore, Sprints und Laufweite sind die Dortmunder besser. Umso mehr ist der BVB im kommenden Spitzenspiel gegen den FC Bayern auf das Momentum, das Glück angewiesen. Die Partie wird eine Hausnummer für die Borussia, denn den Rekordmeister schlägt man nicht einfach so. Auch nicht, wenn dieser sich in einer Krise der besonderen Art befindet.


Image attribution
Pep Guardiola: Football.ua, Pep 2017 (cropped)CC BY-SA 3.0
Jupp Heynckes: Александр Осипов, Jupp HeynckesCC BY-SA 3.0
Carlo Ancelotti: flickr photo by Nazionale Calcio https://www.flickr.com/photos/nazionalecalcio/41823115552, CC BY-NC-SA license
Uli Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge: Harald BischoffHoeneß und Rummenige 2640CC BY-SA 3.0

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