Schicht im Schacht! Doch Schalke weiter unterirdisch…

Mit einer fulminanten Show in der heimischen Arena nahm Schalke 04 am 16. Spieltag Abschied vom Steinkohlebergbau und erinnerte an die goldene Kohle-Zeit im Ruhrgebiet. Doch dem feierlichen Abschied folgte eine weitere Niederlage gegen Bayer Leverkusen, denn die goldenen Zeiten auf Schalke sind längst vorbei.

Vor Beginn der Rückrunde steht der Malocher-Klub aus Gelsenkirchen mit 18 Punkten auf Platz 13, dicht gefolgt von Aufsteiger Düsseldorf (18 Punkte) und dem FC Augsburg (15 Punkte). Fünf Siege aus 17 Partien, lediglich vier Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz, sieben Punkte auf einen direkten Abstiegsplatz – eine Armutsbilanz für den Revierclub. Zum Vergleich: Vergangene Saison standen die Köngisblauen zum selben Zeitpunkt mit 30 Punkten auf Rang zwei. Doch so langsam geht Cheftrainer Domenico Tedesco der „Vizemeister-Kredit“ der letzten Saison verloren. Die Mannschaft präsentiert sich unterirdisch schlecht und hat in keinem Bereich Fortschritte gemacht. Doch der Trainerstuhl von Tedesco wackelt nicht:

„Die Frage stellt sich nicht", erklärte Manager Christian Heidel nach der 1:2 Niederlage gegen Leverkusen: „Ich tue mich schwer, einen Trainer in Frage zu stellen, den vor vier Monaten noch alle bejubelt haben."

Stattdessen steht der Manager selbst unter Beobachtung. Nachdem der Aufsichtsrat die Transferpolitik und Arbeitsweise von Heidel diskutiert hatte, veröffentlichte Vereinsboss Clemens Tönnies die Idee, dem Manager bei der künftigen Kaderplanung einen Experten an die Seite zu stellen. Es fehle an „sportlicher Kompetenz“, monierte daraufhin auch die Expertenrunde beim „Wontorra – der Fußball-Talk“, allen voran Philipp Selldorf, Sportredakteur für den Stern und die Süddeutsche Zeitung. Es fehle an sportlichem Verstand, vor allem auf der operativen Seite, kritisierte der Sportjournalist. Selldorfs Fazit: Aus der „One-Man-Show“ Heidel resultierte ein schwacher Transfersommer mit Ausgaben in Höhe von 53 Millionen Euro. Das Ergebnis? Mau. Die Abgänge (Goretzka, Kehrer, Meyer) konnten nicht kompensiert werden. Das Geld, das man 2016 für Leroy Sane bekommen hatte, wurde aus dem Fenster geschmissen.

Auch die Summe der Verpflichtungen von Heidel wird in der Runde scharf kritisiert. Moderator Jörg Wontorra verweist auf die Transfers während Heidels Amtszeit beim S04: „Heidel hat in drei Transferperioden 35 Millionen Miese gemacht und 23 Spieler geholt.“
„Diese Zahlen sind beschämend für Heidel,“ ergänzt Philipp Selldorf. Die Experten sind sich einig: Heidel konnte keine der drei Transferperioden glücklich gestalten. Es fehlt an sportlichem Sachverstand. Ein Kaderplaner muss her.

Ist die Kritik an Manager Heidel berechtigt? Nein!

90plusdrei hat die Transfers des Managers unter die Lupe genommen: Sky und Wontorra haben in einem Punkt recht: Heidel hat seit 2016 145,3 Millionen für neue Spieler ausgegeben, jedoch nur 112,4 Millionen mit Abgängen eingenommen – das ergibt ein Minus von 32,9 Millionen Euro. Auch bei der Anzahl an Neuzugängen liegt Wontorra (fast) richtig: Ohne Leihspieler und Spieler aus der eigenen Jugend mit einzubeziehen, hat Manager Heidel in drei Transferperioden 21 Spieler geholt.
Was Wonti und seine Sky-Runde jedoch verschweigen: diesen 21 Neuzugängen stehen 29 Abgänge gegenüber. Über die Summe der Verpflichtungen sollte sich also niemand empören. Vielmehr lohnt es sich, die Transfers genauer zu untersuchen. Ein Blick auf die Transferhistorie seit 2016 zeigt:

Manager Heidel hat (auf dem Papier) alles richtig gemacht!

2016 holte Schalke Breel Embolo, ein hochgehandeltes Sturm-Talent vom FC Basel, dem ganz Europa hinterher war. Zudem kamen absolute Leistungsträger der letzten Jahre wie Daniel Caligiuri (2,5 Mio.), Guido Burgstaller (1,5 Mio.) und Naldo (ablösefrei). Man versuchte so die Abgänge von Leroy Sane, Junior Caicara und Joel Matip aufzufangen. Dabei war es besonders schmerzhaft, dass gleich zwei Eigengewächse den Verein verließen. Abwehrchef Matip zu allem Übel auch noch ablösefrei.
2016/2017
Zugänge
Breel Embolo
25,5 Mio.
Abgänge
Leroy Sane
50,5 Mio.
Benjamin Stambouli
8 Mio.
Junior Caicara
3 Mio.
Coke
4 Mio.
Christian Clemens
2 Mio.
Daniel Caligiuri
2,5 Mio.
Marco Höger
1,3 Mio.
Guido Burgstaller
1,5 Mio.
Roman Neustädter
ablösefrei
Naldo
ablösefrei
Joel Matip
ablösefrei
Robert Leipertz
0,3 Mio.
Robert Leipertz
1,5 Mio.


Marvin Friedrich
1 Mio.


Kaan Ayhan
0,5 Mio.


Michael Gspurning
ablösefrei
Summe
43,3 Mio.
Summe
59,8 Mio.

2017 setzte sich ein ähnlicher Trend fort. Vereinsikone Klaas-Jan Huntelaar und Ur-Schalker Sead Kolasinac gingen ablösefrei. Dazu gesellten sich Eric Maxim Choupo-Moting, Dennis Aogo, Atsuto Uchida und Sidney Sam – allesamt ablösefrei. Um den Kader zu verstärken verpflichtete Heidel den algerischen Nationalspieler Nabil Bentaleb vom FC Tottenham (19 Mio.) und Dauerbrenner Bastian Oczipka (4,5 Mio). Daneben kamen auch zwei Spieler für die Kreativabteilung: der ukrainische Flügelspieler Konoplyanka vom FC Sevilla (12,5 Mio.) sowie Dribbeltalent Amine Harit (8. Mio.).
2017/2018
Zugänge
Nabil Bentaleb
19 Mio.
Abgänge
Klaas-Jan Huntelaar
ablösefrei
Konoplyanka
12,5 Mio.
Choupo-Moting
ablösefrei
Amine Harit
8 Mio.
Atsuto Uchida
ablösefrei
Bastian Oczipka
4,5 Mio.
Sead Kolasinac
ablösefrei
Pablo Insua
3,5 Mio.
Dennis Aogo
ablösefrei
Cedric Teuchert
1 Mio
Timon Wellenreuther
ablösefrei
Michael Langer
ablösefrei
Sidney Sam
ablösefrei


Phil Neumann
ablösefrei


Felix Platte
0,8 Mio.


Fabian Giefer
0,75 Mio.
Summe
49,3 Mio.
Summe
7,1 Mio.

Doch auch 2018 verließen wichtige Schlüsselspieler und Identifikationsfiguren die Königsblauen. Leon Goretzka schloss sich den Bayern an und Max Meyer machte sich auf den Weg nach England – beide ablösefrei. Auch Eigengewächs und Zukunftshoffnung Thilo Kehrer verabschiedete sich ein Jahr vor Vertragsende für 37 Millionen nach Paris. Vereinsikone Benedikt Höwedes, für den Trainer Tedesco keine Verwendung mehr fand, wurde für 5 Millionen nach Moskau verkauft. Auch Fanliebling Naldo, der unter Tedesco aus der Startelf geflogen war, verließ den Verein in der Wintertransferperiode Richtung Monaco.
2018/2019
Zugänge
Sebastian Rudy
16 Mio.
Abgänge
Thilo Kehrer
37 Mio.
Suat Serdar
10,50 Mio.
Benedikt Höwedes
5 Mio.
Omar Mascarell
10 Mio.
Naldo
2 Mio.
Salif Sane
7 Mio.
Leon Goretzka
ablösefrei
Hamza Mendyl
6 Mio.
Max Meyer
ablösefrei
Steven Skrzybski
3,2 Mio
Coke
1,5 Mio.
Mark Uth
ablösefrei
Bernard Tekpetey
0,15 Mio.


Donis Avdijaj
ablösefrei


Luke Hemmerich
ablösefrei
Summe
52,7 Mio.
Summe
45,5 Mio.

Heidel musste reagieren und holte sieben vielversprechende Spieler. So verpflichtete Heidel unter anderem die Nationalspieler Sebastian Rudy (16. Mio.) und Mark Uth (ablösefrei) und holte einen der besten Verteidiger der Bundesliga in Salif Sane (7 Mio.) sowie einen hochbegabten Mittelfeldstrategen von Real Madrid in Omar Mascarell (10 Mio.). Hinzu kamen U21-Nationalspieler Suat Serdar (10,5 Mio.), Zweitligaphänomen Steven Skrzybski (3,2 Mio.) und der marokkanische Nationalspieler Hamza Mendyl (6 Mio.).



Was ist also falsch gelaufen? Nichts?

Auf dem Papier hat Heidel alles richtig gemacht. Eigengewächse wie Meyer, Kehrer, Kolasinac und Goretzka konnten nicht gehalten werden. Heidel konterte mit vielversprechenden Zugängen in Embolo, Bentaleb, Harit, Konoplyanka, Rudy, Mascarell, Sane und Uth. Spieler, um die Schalke auf dem Markt kämpfen musste, die absolut jeder Manager verpflichtet hätte. Mit Blick auf die Transferhistorie (siehe Tabelle) wird das eigentliche Problem jedoch deutlich:

Schalke 04 kann keine Spieler halten!

Und die Schuld dafür trägt nicht Heidel – zumindest nicht alleine. Denn sein Vorgänger Horst Heldt versäumte es, die Vertragspapiere der Eigengewächse und Identifikationsfiguren rechtzeitig zu verlängern. So verließen in den drei Transferperioden nach der Ära „Heldt“ 14 Spieler den Verein ablösefrei. Darunter: Matip (Liverpool), Huntelaar (Ajax), Choupo-Moting (Paris), Kolasinac (Arsenal), Meyer () und Goretzka (Bayern) – heute sind diese Spieler zusammen 107 Millionen wert.

Doch der Identifikationswert, der mit diesen Spielern verloren gegangen ist, ist unbezahlbar.

Es liegt nun an Manager Heidel und Trainer Tedesco diese Verluste gemeinsam aufzufangen. Das Spielermaterial ist da. Eine Mannschaft mit Namen wie Uth, Rudy, Sane, Harit, Bentaleb, Embolo, Caligiuri, Konoplyanka oder Nastasic sollte mit dem Abstiegskampf rein gar nichts zu tun haben. Dennoch sind die Knappen mittendrin im Kampf ums Überleben. Dennoch gehen die kritischen Blicke Richtung Heidel.

Das Leben ist nicht fair und der Fußball erstrecht nicht. In der Rückrunde muss Schalke 04 seine Stärken vom Papier auf den Platz bringen. Manager Heidel, Coach Tedesco und auch die Spieler stehen in der Verantwortung, jetzt Leistung zu bringen. Ansonsten markiert die Saison 2018/2019 nicht nur den Abschied von der Steinkohle sondern auch das Ende der königsblauen Erstklassigkeit. Erster Gegner der Rückrunde: Der überraschend gut aufspielende Vfl Wolfsburg. Und so heißt es für die Knappen am 18. Spieltag: Glück auf, Glück auf!


Image attribution
Christian Heidel: Sandro Halank, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0, 2018-08-17 1. FC Schweinfurt 05 vs. FC Schalke 04 (DFB-Pokal) by Sandro Halank–035CC BY-SA 3.0
Mark Uth: Sandro Halank, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0, 2018-08-17 1. FC Schweinfurt 05 vs. FC Schalke 04 (DFB-Pokal) by Sandro Halank–603, cropped, CC BY-SA 3.0
Sebastian Rudy: Елена Рыбакова, Sebastian Rudy 2018, cropped, CC BY-SA 3.0
Salif Sane: Sandro Halank, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0, 2018-08-17 1. FC Schweinfurt 05 vs. FC Schalke 04 (DFB-Pokal) by Sandro Halank–477, cropped, CC BY-SA 3.0
Omar Mascarell: Елена Рыбакова, Omar Mascarell 2018, cropped, CC BY-SA 3.0

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