Kaum Transparenz, schlechte Kommunikation – Der DFB wird das Videokeller-Image nicht los

Verwirrte Blicke, leere Gesichter, ahnungslose Gesten – Auch am 31. Spieltag der Bundesliga-Saison 2018/19 standen die Fans erneut vor einem Rätsel. In der 14. Minute hatte Mario Götze mit einem tollen Kopfball für das 1:0 im Revier-Derby auf Schalke gesorgt. Der BVB übernahm die Spielkontrolle. Dann der Videobeweis und der Pfiff: Handelfmeter für Schalke 04. Eine äußerst strittige Szene und keine klare Fehlentscheidung von Schiedsrichter Felix Zwayer. 

Warum hat der Video-Assistent eingegriffen?

Trotz langer Testphase bleibt der Videobeweis eines der größten Rätsel des Fußballs. Dabei sind die Regeln doch klar kommuniziert worden, oder?

Der Video-Assistent darf nur bei klaren, offensichtlichen Fehlentscheidungen eingreifen. Also bei „falscher Wahrnehmung“ durch den Schiedsrichter. Was genau ein klarer Fehler ist, liegt jedoch im Ermessen des Videoschiedsrichters. Dieses erste Kriterium ist also sehr undeutlich definiert und führt dazu, dass bei identischen Spielsituationen oft unterschiedlich entschieden wird. Damit haben sich die Fans jedoch bereits abgefunden.

Eine klare Fehlentscheidung lag in der Partie zwischen Schalke und dem BVB hingegen nicht vor. Dennoch gab es Elfmeter. Der Grund dafür: Neben der „falschen Wahrnehmung“ gibt es ein weiteres Kriterium, das bislang im Wirrwarr des Videobeweises untergegangen ist: die sog. „fehlende Wahrnehmung“. Wenn ein Schiedsrichter eine entscheidende Spielsituation nicht sieht, soll der Video-Assistent ebenfalls eingreifen. Im Derby zwischen S04 und dem BVB hatte Zwayer das vermeintliche Handspiel von Julian Weigl offensichtlich gar nicht gesehen, weshalb VAR Guido Winkmann ihn auf die Situation hinwies.

Das Problem

Viele Fans und Zuschauer haben von diesem zweiten Kriterium der „fehlenden Wahrnehmung“ bislang gar nichts gewusst. Dabei hatte Jochen Drees, Leiter des Projekts „Video-Assistent“ beim DFB, bereits im März 2019 darauf hingewiesen, dass die „fehlende Wahrnehmung" nicht ausreichend kommuniziert worden sei.

„Da haben wir noch ein bisschen Nachholbedarf", sagte Drees. Zwei Monate später sieht es ähnlich aus. Auch Alex Feuerherdt, Experte und Mitbetreiber des Schiedsrichter-Podcast Collinas Erben hält das Kriterium der „fehlenden Wahrnehmung" für problematisch. Sein Vorschlag:
„Der Video-Assistent sollte unabhängig von der Wahrnehmung des Schiedsrichters eingreifen. Er sollte ausschließlich prüfen: Ist die Entscheidung irgendwie vertretbar? Nur, wenn sie das nicht ist, sollte er dem Schiedsrichter eine Ansicht der Bilder empfehlen.“ 
Ohne eine Änderung der jetzigen Prozedere werden Eingriffe durch den Video-Assistenten weiter für Verwirrung sorgen.

DFB mit Nachholbedarf

Der DFB wird das Image des abgeschotteten Videokellers in Köln nicht los. Statt für Transparenz zu sorgen, werden im Dunkeln Entscheidungen getroffen, die kein Fan im Stadion oder vor dem Fernseher nachvollziehen kann. Scheinbar aus dem Nichts und ohne Grund – das sorgt bei vielen Fans für Ärger und Unmut. 


Transparenz sollte nicht bedeuten, sich nach dem Spiel hinzustellen und die Schiedsrichterentscheidungen auf Fehler oder Richtigkeit zu kommentieren, wie es Projektleiter Drees nach dem Pokalspiel zwischen Werder Bremen und Bayern München tat:
„Die Kommunikation zwischen dem Schiedsrichter und dem Video-Assistenten ist nicht gut abgelaufen. Einerseits gibt es Aspekte, die auf fachlicher Ebene gegen einen Strafstoß sprechen. Andererseits gibt es allerdings auch einen Aspekt, der für ein strafstoßwürdiges Vergehen spricht. Aus schiedsrichterfachlicher Sicht halten wir die Strafstoßentscheidung für nicht korrekt."
Transparenz sollte bedeuten, Fans in Echtzeit im Stadion und vor den Fernsehern daheim aufzuklären. Denn mit der jetzigen Situation können weder DFB noch Fans zufrieden sein. So ist es nicht verwunderlich, wenn jede Woche dieselbe Frage auftaucht: 
„Wozu haben wir den Videobeweis? Das ist lächerlich. Wenn das ein Elfmeter ist... Wenn er das nicht sieht, können wir ihn wieder abschaffen" 
- Werders Kapitän Max Kruse nach der Niederlage im Halbfinale des DFB-Pokals.



Image attribution
VAR Logo: C recordsVAR System Logo, Merge, CC BY-SA 4.0
DFB Logo: DFB e.V., DFB DFBnet Logo RGB positiv, cut, CC BY-SA 4.0
Max Kruse: Silesia711MaxKruse, cut, CC BY-SA 4.0

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